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Name:14/1835  
Art:Mitteilungsvorlage  
Datum:26.03.2012  
Betreff:Remscheider Netzwerk "Kleine Helden"
DokumenttypBezeichnungAktionen
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Mitteilung der Verwaltung

Die nachfolgende Information wird zur Kenntnis genommen.

 

 

 

 

Der 11. Remscheider Jugendhilfetag beschäftigte sich im Jahr 2010 unter dem Titel

"(K)eine Kindheit wie jede andere"

mit der Situation von Kindern psychisch kranker Eltern. Anlass hierfür waren vermehrte Berichte im Rahmen der Jugendhilfe über Problemlagen von Kindern auf Grund psychischer Erkrankungen der Eltern.

 

"Die Risikoforschung bestätigt, was schon jeder ahnt: Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen ein Elternteil psychisch krank ist, sind in vielfältiger Weise davon betroffen und stehen unter erhöhtem Risiko, selbst eine psychische Störung zu entwickeln."[1]

 

"Neben dem Selbsterkrankungsrisiko sind die Kinder beeinträchtigt durch viele weitere Belastungen, die ihre Versorgung und Erziehung, ihre familiäre Rolle, ihre emotionale Entwicklung und soziale Einbindung betreffen. Wie stark die Belastung für das einzelne Kind ist, hängt u.a. ab von

-       Alter des Kindes bei Erkrankung von Vater oder Mutter

-       Einbeziehung des Kindes in die elterliche Erkrankung

-       Kompensation durch den gesunden Elternteil

-       Resilienzfaktoren auf Seiten des Kindes

-       Krankheitseinsicht und Behandlungsverlauf beim Erwachsenen

-       Vorhandensein eines psychosozialen Unterstützungssystems."[2]

Folgewirkungen der psychischen Erkrankungen der Eltern auf die Kinder können z.B. sein

-                                                       Angst und Desorientierung

-                                                       Schuld-, Scham- und Aversionsgefühle

-                                                       Soziale Isolierung

-                                                       Parentifizierung

-                                                       Einbußen im Aufbau sicherer Bindung

-                                                       Fehlen von Beziehungssicherheit und –kontinuität.

 

Lange Zeit wurden die Kinder als Angehörige von keinem Hilfesystem ausreichend wahrgenommen oder einbezogen: Die Erwachsenenpsychiatrie war auf die Behandlung des erwachsenen Patienten konzentriert und klammerte deren Rolle als Eltern und die Situation der Kinder oft aus. Die Kinder- und Jugendhilfe wurde oft erst bei gravierenden Entwicklungen in der  Familie auf den Handlungsbedarf aufmerksam und musste dann meist massiv und kostenintensiv intervenieren. Durch zahlreiche Projekte in den letzten Jahren wurde sowohl eine Annäherung der beiden Systeme Jugendhilfe und (Sozial)Psychiatrie erreicht als auch gezielt die Situation der betroffenen Kinder und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Entwicklung spezifischer Angebote gestellt.

 

Um Erkenntnisse über die Erlebens- und Gefühlswelt, die Gedanken und Wünsche nach Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit psychisch kranken Eltern zu erhalten, hat u.a. Albert Lenz Kinder und Jugendliche im Alter von 7 – 18 Jahren zeitnah zur psychiatrischen Behandlung ihrer Eltern befragt und herausgefunden:

"Die psychische Erkrankung eines Elternteils stellt für die Kinder eine besonders schmerzhafte Verlusterfahrung dar, die meist mit gravierenden Veränderungen im familiären Alltag einhergeht, insbesondere wenn die Mutter die Patientin ist. Das allenfalls diffuse Wissen über die Erkrankung löst zusätzliche Unsicherheiten und Ängste aus.

 ...

Als eine besonders wichtige Form der Unterstützung erachten Kinder und Jugendliche ehrliche und offene Antworten auf ihre Fragen. Sie wollen nicht geschont werden, sondern die Wahrheit hören. Jugendliche wünschen sich darüber hinaus eine aktive Einbeziehung in die Behandlung ihres erkrankten Elternteils. Kontakt- und Austauschmöglichkeiten in Gruppen und eine gezielte Aufklärung der Öffentlichkeit über psychische Krankheiten werden als weitere wichtige Unterstützungsangebote betrachtet."[3]

 

 

"Hanna geht es schon viel besser als noch vor ein paar Wochen. Endlich weiß die Neunjährige, was mit ihrer Mutter los ist und dass nicht sie schuld ist an deren mal gedrückter, mal gereizter Stimmung. Vor vier Wochen hat Hannas Mutter wegen schwerer Depressionen eine Behandlung in einer Duisburger Tagesklinik begonnen. Dort fragte man sie auch nach ihrem familiären Umfeld und reagierte sofort, als Frau A. von zunehmenden Schwierigkeiten mit ihrer Tochter erzählte und durchblicken ließ, sie habe dem Mädchen nichts von ihrer Erkrankung erzählt. In regelmäßig durch eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin angebotenen Kliniksprechstunde gelang es, die Mutter für gemeinsame Gespräche mit ihrer Tochter zu gewinnen, und nun kommen beide regelmäßig in die Praxis, um über ihre Sorgen und Nöte miteinander zu sprechen. Frau A. ist überrascht, wie aufgeschlossen Hanna auf das Gesprächsangebot reagiert hat, und die häusliche Situation hat sich schon sehr entspannt, was nicht nur Hanna gut tut, sondern natürlich auch ihrer Mutter."[4]

 

 

Auch schon bei Säuglingen gilt folgende Feststellung:

„Jedes Kind ist mit seiner Mutter zweifach symbiotisch verwoben, die seelischen Quälitäten der Mutter prägen die seelische Grundstruktur des Kindes“[5]

 

 

Mit den vielfältigen Informationen, aber auch Fragen und Anregungen aus dem Remscheider Jugendhilfetag wurde die Arbeit an diesem wichtigen Thema anschließend in einer Projektgruppe (Vorbereitungsgruppe zum Jugendhilfetag erweitert um Fachkräfte aus der Jugendhilfe und dem sozialpsychiatrischen Hilfesystem) fortgeführt und hat sich über folgende gemeinsame Schritte zur Verbesserung der Situation von Kindern psychisch kranker Eltern verständigt:

    • Fortsetzung der Zusammenarbeit als Remscheider Netzwerk "Kleine Helden" (auf der Basis einer gemeinsamen Geschäftsordnung)
    • Bereitstellung zielgruppenorientierter Information (Informationsbroschüren des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker BApK)
    • Erstellung eines Informationsflyers für Betroffene in Remscheid
    • Erstellung einer Arbeitshilfe für Fachkräfte in der Jugendhilfe und im sozialpsychiatrischen Hilfesystem (über die Zugänge zu Hilfen und Angeboten)
    • Fortbildung von Mitarbeiter/innen sozialer Institutionen zum Thema "Kinder psychisch kranker Eltern"
    • Entwicklung von Materialien und Instrumenten zur Unterstützung der Zusammenarbeit der Systeme (z.B. Fragebogen über die Versorgung der Kinder bei stationärer Aufnahme der Eltern bzw. Kontakt mit einer ambulanten Einrichtung; verbindliche Verfahren zur Einleitung und Koordination des familiären Hilfebedarfs; standardisierte Checkliste zur Risikoeinschätzung betroffener Kinder)

 

Die Projektgruppe arbeitet unter der gemeinsamen fachlichen Moderation von Jugendamt (Jugendhilfeplanung und Qualitätsmanagement) und Gesundheitsamt (Koordination Gesundheitskonferenz).

 

 

Es ist dem Remscheider Netzwerk "Kleine Helden" wichtig,

 

-                                                       Öffentlichkeitsarbeit für diese Thematik zu leisten

Die großzügige Spende aus der ersten Remscheider Brennholzauktion ermöglichte den Erwerb von Broschüren des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V., die für Kinder, Jugendliche und betroffene Eltern in jeweils altersgerechter bzw. angemessener Sprache informieren und wichtige Hinweise geben. Darüber hinaus wurde ein Flyer erstellt, der Ratsuchenden in Remscheid Ansprechpartner für einen Erstkontakt benennt und damit als "Türöffner" für weitere Angebote und Hilfestellungen dienen kann.

 

-                                                       Kommunikation zwischen den Hilfesystemen herzustellen

Im Remscheider Netzwerk "Kleine Helden" arbeiten bereits unterschiedliche Hilfesysteme zusammen. Die weitere kontinuierliche Zusammenarbeit und Offenheit für neue Kooperationspartner wird zukünftig beitragen zum Informationsaustausch, zu einem besseren Verständnis, zu gemeinsamen Aktionen/Fortbildungen und damit zum effektiveren und effizienteren Einsatz von Hilfen für die betroffenen Kinder und Familien.

 

 

-                                                       die Zugangswege zu Angeboten und Hilfen für Fachkräfte in den Hilfesystemen transparent zu machen

Für die unterschiedlichen Bedarfe und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sowie derer psychisch erkrankter Eltern gibt es innerhalb der Hilfesysteme Angebote und Unterstützungen, die inhaltlich und hinsichtlich der Zugangsmöglichkeiten allen hier tätigen Fachkräften bekannt sein sollten. Dieses Ziel soll mit einer Arbeitshilfe erreicht werden, die aktuell vom Netzwerk erstellt wird.

 

 

 

 



[1] www.psychiatrie-heute.net, Prof. Dr. med. Volker Faust  zu:  A. Lenz "Kinder psychisch kranker Eltern"

[2] Ev. Beratungsstelle Würzburg, Projektbeschreibung "Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern und ihre Familien, 2007

[3] Materialien zum 13. Kinder- und Jugendbericht "Mehr Chancen für gesundes Aufwachsen"; Expertise von Albert Lenz, Riskante Lebensbedingungen von Kindern psychisch und suchtkranker Eltern – Stärkung ihrer Ressourcen durch Angebote der Jugendhilfe

[4] Marcel Hellmich, Netzwerk für Kinder psychisch kranker Eltern,  in: Psychosoziale Umschau 2/2009

[5] Prof. Dr. Franz Ruppert, KSFH München, Ein Beitrag zum Fachtag "Perspektiven der Mutter-Kind-Beziehung", 2008


Finanzielle Folgen und Auswirkungen

Voraussichtlicher Aufwand und voraussichtliche Auszahlungen im laufenden Jahr und in Folgejahren

keine

Die erforderlichen Haushaltsmittel sind im Ergebnis- und Finanzplan enthalten

entfällt

 


 

 

Wilding

Oberbürgermeisterin